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Kona fer í stríð. Eine Frau zieht in den Krieg (Filmkritik)

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Kona fer í stríð. Eine Frau zieht in den Krieg (Filmkritik)

Eine Frau im Kampf gegen die Stromriesen. Photo: Kona fer í stríð/Facebook

Mit Kona fer í stríð (Eine Frau zieht in den Krieg) ist ein weiteres Meisterwerk von Regisseur Benedikt Erlingsson in Islands Kinos gekommen, nachdem es auf ausländischen Filmfestspielen bereits Preise eingeheimst hatte. Dieser isländische Spielfilm ist besonders, denn er trifft den Nagel auf den Kopf in einer Zeit, wo Islands Hochland vom Ausverkauf an ausländische Konzerne bedroht wird.

Chorleiterin Halla übt nicht nur harmlose Frühlingsweisen und T'ai Chi, ganz nebenher engagiert sie sich auch, sozusagen handgreiflich, für einen anderen Zweck und ist damit Spiegelbild vieler Isländer, die alles mögliche nebenher noch treiben oder arbeiten. Nur dass Hallas “Nebenjob” aus Industriesabotage besteht.

Wir erleben hier eine Art Hausfrauenterrorismus, den der gute alte “Q” mitbetreut haben könnte, der jedoch auch wie ein Konfirmationsfest bis in die letzte Einzelheit weiblich durchdacht ist. Dabei zeigt Halla einen konsequenten Mut, wie man ihn nur von Müttern der Sagenwelt kennt.

Als die öffentliche Reaktion auf ihren neuerlichen Sabotageakt empört ins Nationalistische abzudriften droht, wirft sie Flugblätter mit einem anonymen Geständnis vom Dach des Ministeriums. Unterzeichnerin: Fjallkonan, die Bergfrau, Sinnbild und “Mutter” Islands.

Ihr Kumpel und Informant aus der Politik zieht den Schwanz ein, ihren letzten Sabotageakt gegen die Stromriesen will er nicht mehr mittragen: das Fällen eines Hochspannungsmastes im Hochland.

Hallas grotesker Versuch, die Welt zu retten, gerät jedoch ernsthaft ins Stocken, als sie erfährt, dass ihr in Vergessenheit geratener Antrag auf Adoption eines Waisenkindes genehmigt wurde und sie in die Ukraine reisen soll, um die kleine Kriegswaise abzuholen. Überraschend kühl entscheidet sie, ihren Weg zuende zu gehen, bevor sie eine neue Tür im Leben öffnet.

In der Einsamkeit des Hochlandes strebt die Geschichte ihrem fulminanten Höhepunkt zu, als etwa die Amazone hinter einer Gesichtsmaske mit dem Konterfei von Freiheitskämpfer Nelson Mandela eine Polizeidrone vom Himmel holt. Wie schon in Hross í oss fungiert auch diesmal der Kadaver eines isländischen Tieres als Lebensretter auf der Flucht und unterstreicht die tiefe Verbundenheit der Reykjavíkerin Halla mit ihrem Land.

Auf meisterhafte Weise verwebt Erlingsson die beiden Weltrettungsgeschichten miteinander, verdichtet sie und gestaltet die Figur dieser unabhängigen und mental wie körperlich starken Fjallkona.

Pulsschlag der Geschichte ist die Musik, die wie ein atmosphärischer Erzähler jede Szene live begleitet und vernetzt. Das isländische Trio aus Schlagzeug, Tuba, Klavier oder Akkordeon gibt mal schwungvoll, mal nachdenklich den Takt zu einer sich verselbstständigenden Sabotagestory, drei ukrainische Folkloresängerinnen liefern den Klagegesang zum zweiten “Sorgenkind” der Fjallkona, welches Halla mit der gleichen bissigen Konsequenz verteidigt wie ihr erstes.

Benedikt Erlingsson spart nicht mit Seitenhieben auf den isländischen Überwachungsstaat, welcher mit Kameras in Wohngebieten, Polizeischnüffelei und Dronenfahndung für Einschüchterung sorgt. Ein alter Bekannter aus Erlingssons Film Hross í oss gerät dabei ins Visier der Fahnder: der Kolumbianer Juan Camillo Roman Estrada, wieder einmal grossartig fluchend auf dem Fahrrad und immer am falschen Ort unterwegs, weswegen er ob seines ausländischen Aussehens gleich dreimal verhaftet wird. Der Ausländer dient hier als Sündenbock und Retter zugleich, denn durch seine Festnahmen gelingt es Halla zu entkommen.

Konan fer í stríð ist eine atemberaubende Sinfonie aus alten isländischen Tugenden wie ziviler Ungehorsam, Dickköpfigkeit und Konsequenz bis zum Äussersten, ein Film gespickt mit unglaublich starken Bildern und Allegorien, verpackt in ein moosgrünes Webstück aus Liebe zu diesem kargen Land im Nordatlantik. Halldóra Geirharðsdóttir brilliert als epische, unbeugsame Sagaheldin in einem Film, der Härte wie Weichheit der Insel zum Greifen nahe zeigt.

Kona fer í stríð (Trailer)

Regie: Benedikt Erlingsson

Hauptrollen: Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarsson, Juan Camillo Roman Estrada, Jörundur Ragnarsson, Saga Garðarsdóttir

Drehbuch: Benedikt Erlingsson, Ólafur Egilson

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